Redebeitrag aus Zschocher zur Demonstration „Kein Viertel für Nazis“ in Stötteritz am 24.04.2021

Am 24.04.2021 Demonstrierten rund 400 Antifaschist*innen in Leipzig Stötteritz gegen die gesteigerten extrem rechten Aktivitäten im Stadtteil. Dazu gab es auch einen Redebeitrag von Aktivist*innen aus Zschocher der hier dokumentiert wird.

Menschenfeindliche Stimmen, die sich für Ungleichheit und Spaltung aussprechen, werden in Stötteritz immer lauter und durchsetzungsfähiger. Zschocher, der Kiez, in dem ich lebe, steht dem wohl in nicht viel nach. Ein Problem mit rechter Raumnahme in Form von rechten Fußballhools und Kampfsportlern oder organisierten Neofaschisten, die zumindest im Viertel wohnen, gibt es auch vor meiner Haustür.

Zschocher ist ein Viertel südlich vom Szenekiez Plagwitz, wobei eine Straße – um genau zu sein, die Antonienstraße am Adler – eine ideologische Grenze zwischen linker und rechter Hegemonie zu ziehen scheint. Überschreitet man diese, finden sich rechte Aufkleber, Hakenkreuzschmierereien, Spätis und andere Geschäfte von offensichtlich rechten Betreiber_innen mit faschistischem Stammpublikum, sowie besoffene Nazis die im öffentlichen Raum rum hängen wieder. Manchmal laufen auch Gruppen durch die Gegend, die rechte Parolen grölen, um ihre toxische Männlichkeit zu zelebrieren. Anders denkende und solche, die nicht in ihr Bild vom strammen Deutschen passen, haben ihrer Ansicht nach in Zschocher nix verloren. Antisemitismus, NS-Verherrlichung, Hetze gegen Geflüchtete, sowie die patriotische Vorstellung der deutschen Heimat gehen in Zschocher, sowie auch in Stötteritz Hand in Hand.
In Zschocher war es noch vor einigen Jahren an der Tagesordnung, dass die rechte Propaganda in Form von Stickern und Schmierereien teilweise wochen- oder sogar monatelang im Viertel hängen geblieben sind. Dieser Zustand hat sich dank der Selbstorganisation von Leuten im Viertel, die das nicht mehr mit ansehen wollten, ein wenig entspannt. Die Nazipropaganda wird nun selbstorganisiert entfernt, das Stadtbild verstärkt mit linken, anarchistischen und antifaschistischen Botschaften gestaltet.

Wenn klare Bekenntnisse zum Faschismus und Nationalsozialismus keinen Aufschrei und keine Gegenwehr verursachen, ist der Weg zu Übergriffen auf Andersdenkende nicht mehr weit. Es ist an uns allen, dieser Scheiße etwas entgegen zu setzen!
Faschistische Tendenzen werden anschlussfähiger, wenn die gesamtgesellschaftliche Situation unsicherer prekärer wird. Gerade jetzt, wo die Krisenhaftigkeit des Systems durch die Pandemie sogar noch offensichtlicher zum Vorschein kommt, als in der Finanzkrise vor über 10 Jahren, ist es wichtiger denn je kollektive Strukturen zu schaffen, die Alternativen aufzeigen.

Es gibt verschiedene Wege mit rechten und faschistischen Strukturen umzugehen.
Wir als Lixer e.V. haben uns für den für den Versuch entschieden, nicht nur primär auf den Mist von Rechts zu reagieren, sondern einen positiven Bezugsrahmen im Viertel zu schaffen und mit den Menschen, die in Zschocher leben, gemeinsam eine Perspektive zu entwickeln. In den nächsten Monaten wollen wir einen Stadtteilladen eröffnen, der ein Treffpunkt im Viertel sein soll. Wir wollen eine solidarische Nachbar_innenschaft aufbauen, in der sich die Menschen kennen, schätzen und unterstützen. So wollen wir Isolation und Vereinsamung entgegen wirken – Phänomene, die es nicht erst seit dem pandemischen Ausnahmezustand gibt, sondern die aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung resultieren.
Seit einigen Jahren veranstalten wir Konzerte und Infoveranstaltungen in einem Park in Zschocher. Wir versuchen die wenigen Vereine und Initiativen, die es hier gibt bei der Vernetzung zu unterstützen. Im Laden wollen wir Bildungsangebote schaffen, welche die Menschen dort abholen, wo sie gerade stehen. Darüber hinaus wird es eine Bürokratiesprechstunde geben, die Orientierung im Umgang mit Behörden bietet. Außerdem wird regelmäßig eine Jugendredaktion stattfinden, bei der Kinder und Jugendliche dabei begleitet werden, eigene Schreibprojekte im Bezug auf ihr Leben oder ihre Perspektive auf Zschocher zu realisieren.
Unsere Stadtteilarbeit schafft Raum für Bildung, Kultur und Austausch sowie die Möglichkeit, Diversität zu leben. Wir wollen damit den menschenverachtenden und ausschließenden Narrativen eine gemeinwohlorientierte und solidarische Alternative entgegen setzen.

In Zeiten wie diesen, in denen autoritäre Tendenzen weiter Einzug in die sogenannte Mitte der Gesellschaft finden und sich die Grenze des Sag- und Denkbaren gefühlt Tag für Tag weiter nach rechts verschiebt, ist es sicherlich eine Gradwanderung, einen Stadtteilladen in einem Viertel wie Zschocher zu eröffnen. Gerade wenn dieser den Anspruch hat, offen für alle zu sein.
Alle? – damit sind natürlich alle Personen gemeint, die sich klar von rassistischen, antisemitischen und menschenverachtenden Weltbildern abgrenzen. Doch wann wird sich konsequent abgegrenzt und wann ist eine Person, die vielleicht vorher noch nie mit emanzipatorischen Ideen in Berührung gekommen ist, nicht mehr tragbar? Wann ist der Punkt erreicht, dass Menschen aus einem gemeinschaftlichen Raum ausgeschlossen werden müssen? Wo macht es noch Sinn das Gespräch zu suchen? Wo sind die eigenen Positionen und wann gehen diese verloren? Alles Fragen, die wir uns als junges Ladenprojekt früher oder später sicherlich stellen müssen.

Wir sind der Meinung, dass es wichtig ist, den Versuch zu wagen aus der Szenedeckung heraus zu kommen, dabei aber trotzdem konsequent antifaschistisch zu bleiben. Der Weg den wir gehen wollen, ist sicher nicht der einfachste. Nichtsdestotrotz ist er es wert gegangen zu werden.
Es ist unser Weg, faschistischen und neonazistischen Tendenzen etwas entgegen setzen, mit dem Ziel einen breit angelegten gesellschaftlichen Wandel voran zu treiben.
Wir sind alle Antifa!

Hier könnt ihr auch noch weiter über die Situation in Stötteritz informieren:

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/graffiti-aufkleber-rechtsextreme-propaganda-bedrohung-leipzig-stadtteil-stoetteritz-100.html

https://www.chronikle.org/inhalt/redebeitrag-kundgebung-kein-viertel-nazis

https://www.chronikle.org/search/node/St%C3%B6tteritz

https://www.planlos-leipzig.org/events/autonomer-fruehjahrsputz-antifaschistische-kundgebung-in-stoetteritz/

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